Das Buch der Psalmen

Psalmen

Einleitung

Psalmen — Einleitung

Psalm 88 ist der dunkelste Text der Bibel. Ein Mensch liegt seit der Jugend am Rand des Todes, die Freunde haben sich abgewandt, Gott schweigt. Das Gedicht endet nicht mit Trost — es endet mit einem einzigen Wort: Finsternis. Die Redakteure der Psalmen haben es gelesen und stehen gelassen.

Genau darin liegt die These des Buches: Das gesamte menschliche Spektrum — Jubel, Zorn, Verzweiflung, Dankbarkeit, Flüche, Sehnsucht, Erschöpfung — kann direkt an Gott gerichtet werden, und es wird dann Gebet genannt. Nichts muss vorher sortiert werden.

Was für ein Text ist das?

Die Psalmen sind kein Erzähltext und kein Brief. Sie sind 150 Gedichte, gesammelt über knapp tausend Jahre und irgendwann zu einem Ganzen komponiert — Liederbuch, Gebetbuch, Anthologie einer Sprache, die Menschen für das Verhältnis zu Gott entwickelt haben. Juden und Christen benutzen sie seit rund zweieinhalbtausend Jahren. In keinem anderen religiösen Text der Antike darf der Beter so weit gehen.

Wer sie geschrieben hat, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Viele Überschriften nennen Namen — David, Asaph, die Söhne Korachs, einmal Mose —, aber das sind antike Sammlungsmarker, keine modernen Urheberangaben. Einige Psalmen stammen vielleicht aus dem zehnten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, andere aus der Zeit nach dem babylonischen Exil. Der Abstand zwischen dem ältesten und dem jüngsten Psalm ist größer als der zwischen Karl dem Großen und uns.

Wie man alte hebräische Dichtung liest

Drei Dinge, die das erste Publikum selbstverständlich mitbrachte:

Erstens: Die Psalmen reimen nicht und haben kein europäisches Metrum. Ihr Motor ist der Parallelismus — jede Zeile besteht aus zwei Hälften, die miteinander sprechen. Die zweite sagt, was die erste sagt, aber leicht verschoben: verdichtet, verschärft, manchmal entgegengesetzt. „Die Himmel erzählen Gottes Herrlichkeit, / das Firmament zeigt das Werk seiner Hände." Keine Wiederholung — ein Bild, das durch sich selbst hindurchgeht.

Zweitens: Die Bilder sind materiell, nicht abstrakt. Gottes Nähe ist kein Konzept, sondern ein Fels, ein Schatten, ein Zelt, eine Mutter, die ihr Kind stillt. Wer nach Ideen sucht, findet Körper.

Drittens: Die Gattung trägt die Bedeutung. Die Sammlung enthält Klagelieder, Dankpsalmen, Vertrauenspsalmen, Hymnen, Königs- und Weisheitspsalmen, Wallfahrtslieder. Ein Klagelied ist kein Lobpsalm im Schatten; nicht jedes findet zurück zum Vertrauen. Das „Ich" ist dabei nie das private Tagebuch-Ich, sondern eine Stimme, die dafür gemacht wurde, übernommen zu werden — ein Text, den man sich selbst in den Mund legen kann.

Wie sich die Sammlung bewegt

Die 150 Psalmen sind in fünf Bücher gegliedert, jeweils abgeschlossen mit einer kurzen Lobformel. Buch I und II werden von einzelnen Klagen bestimmt — einer Stimme unter Druck. Buch III ist das kürzeste und dunkelste: Jerusalem ist zerstört, die Frage lautet, was aus Gottes Versprechen geworden ist. Buch IV antwortet: Wenn der menschliche König gefallen ist, regiert Gott selbst. Buch V ist der lange Weg nach Hause — Dankgebete der Rückkehrer, die fünfzehn Wallfahrtslieder, die riesige Tora-Meditation in Psalm 119, und am Ende fünf ineinander kippende Lobpsalmen, die das Buch in ein einziges Wort auflösen: Halleluja. Die Bewegung geht von der Klage zum Lob — aber nicht so, dass die Klage überwunden würde. Sie wird mitgenommen.

Was auffällt

Der Körper ist überall. Kein anderer Text der Antike bringt Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Tränen-als-Brot so ungefiltert zur Sprache. Die Knochen schmerzen, der Hals ist heiser vom Rufen, das Herz ist wie Wachs geschmolzen. Wer in einer Krise liest, merkt das sofort.

Die sozialen Koordinaten nicht übersehen. Die Armen, die Witwen, die Waisen, die Fremden, die Unterdrückten — sie tauchen nicht als Randfiguren auf, sondern als die, für deren Recht der Text sich in Bewegung setzt. Die Psalmen kennen Gott als einen, der „den Armen aus dem Staub hebt" und „den Nacken der Stolzen bricht". Das ist die politische Grundhaltung der Sammlung.

An den Rändern der scheinbar männlichen Stimme bricht etwas auf: Gott wie eine Mutter, die ihr Kind stillt (Psalm 131); eine Frau, die in fremdem Land Kinder zur Welt bringt (Psalm 113). Auf diese Stellen achten — sie ändern, wer da spricht.

Und die Flüche nicht weglesen. Psalm 137 endet mit zerschmetterten Kindern, Psalm 109 will, dass der Gegner ausgelöscht wird. Die Kirche hat jahrhundertelang versucht, diese Zeilen abzuschwächen oder stillschweigend zu überspringen. Die Psalmen selbst tun das nicht. Ihre Frage: Kann Zorn zu Gott gebracht werden, ohne vorher höflich gemacht zu werden? Die Antwort der Sammlung lautet: ja.

Warum diesen Text jetzt lesen?

In Deutschland ist der Lutherpsalter Musik, bevor er Text ist. „Der HERR ist mein Hirte", „Aus der Tiefe rufe ich zu dir", „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser" — Paul Gerhardts Lieder, Bachs Kantaten, Schuberts Vertonungen, die klangliche Grundierung einer ganzen Kultur. Der Preis: Die Psalmen sind im Deutschen festgefroren. Man zitiert sie wie Marmor — und spürt nicht mehr, dass unter dem Marmor einmal jemand in einer sehr realen Nacht geschrien hat.

Das therapeutische Vokabular, das inzwischen fast jedes andere abgelöst hat, hat seine Lücken. Man lernt, Gefühle zu benennen, Grenzen zu setzen, sich selbst zu regulieren. Aber es gibt Zustände, für die diese Sprache nichts hat — Trauer, die nicht wegtherapiert werden kann, Wut ohne Adressatin, Hoffnung, die man weder produzieren noch rechtfertigen kann. Die Psalmen kommen aus einer Zeit, in der Menschen reden konnten, ohne zuerst zu sortieren.

Die Spur hört nicht auf. Paul Celan hat einen Psalm geschrieben, Nelly Sachs auch, Ingeborg Bachmann, Leonard Cohen, Nick Cave. Wer ihr folgt, landet irgendwann hier.

Schlag sie auf.

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