Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 6

Sabbat-Konflikte. Die Zwölf werden berufen. Segen und Wehe.

Lukas 1-5

Herr über den Sabbat

Eines Sabbats gingen sie durch Getreidefelder. Die Jünger brachen Ähren ab, rieben sie in den Händen — die Hülle stäubte zwischen den Fingern, die Körner darunter. Sie waren hungrig. Pharisäer, die in der Nähe waren, lauerten ihnen auf. Der Sabbat war das Bundeszeichen — gehegt mit einem Geflecht von Regeln, das Generationen von Auslegern aufgeschichtet hatten. Sie sagten: "Warum tut ihr, was am Sabbat nicht erlaubt ist?" Jesus erinnerte sie an David: auf der Flucht, hungrig, hatte er das Brot der heiligen GegenwartpublicKulturBrot der heiligen Gegenwart12 Brote, die im Tempel vor Gottes Angesicht aufgestellt wurden (Lev 24,5-9); nur Priestern erlaubt zu essen. Jesus verwendet hier die rabbinische Argumentationsform qal vachomer: vom Geringeren zum Größeren schließen. genommen, das nur den Priestern zustand, und es seinen Männern gegeben. Er ging ins Haus Gottes, nahm die Schaubrote, aß davon und gab sie auch seinen Gefährten — obwohl es außer den Priestern niemandem erlaubt war, sie zu essen. Dann sagte er: "Der MenschensohnlinkKontextMenschensohnAnspielung auf Dan 7,13-14: eine himmlische Gestalt, der Vollmacht über alle Völker und Zeiten verliehen wird. Dass Jesus sich als "Herr des Sabbats" bezeichnet, ist ein expliziter Gottesanspruch — nur Gott allein war Herr des Sabbats. ist Herr des Sabbats." Was man bisher nur von Gott gesagt hatte.

Lukas 6-11

Heilung am Sabbat

An einem anderen Sabbat betrat er die Synagoge und lehrte. Ein Mann war dort, dessen rechte Hand — die Arbeitshand — verdorrt war: Muskeln abgestorben, Finger verkrampft, das Gelenk nutzlos. Schriftgelehrte und Pharisäer lauerten ihm auf. Sie warteten, ob er am Sabbat heilen würde — um eine Anklage zu haben. Er wusste, was sie dachten. Er sagte zu dem Mann: "Steh auf und tritt heraus in die Mitte." Der Mann stand auf. Dann fragte er die anderen: "Ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun — oder Böses? Ein LebentranslateTextEin Leben (ψυχή)Das ganze Wesen des Menschen, nicht nur der Körper. Lebensrettung (pikuach nefesh) war am Sabbat immer erlaubt; Jesus weitet die Frage aus: Ist Untätigkeit, wenn man helfen kann, nicht selbst eine Entscheidung für das Böse? zu retten — oder es zu verderben?" Niemand antwortete. Er blickte sie alle an, einen nach dem anderen, und sagte zu dem Mann: "Strecke deine Hand aus." Er streckte sie aus. Die Hand lebte. Die anderen füllten sich mit blindem Zorn — nicht Enttäuschung, nicht theologischer Differenz, sondern die Wut derer, die öffentlich verloren haben und keine Antwort finden. Sie beratschlagten, was sie mit ihm tun sollten.

Lukas 12-16

Die Wahl der Zwölf

In diesen Tagen brach er auf und stieg auf den Berg. Es gibt Orte, an denen der Himmel nah ist — der Berg war einer davon. Er verbrachte die ganze Nacht dort im Gebet zu Gott. Als der Tag dämmerte, rief er seine Jünger zu sich. Aus ihnen wählte er zwölf aus und nannte sie ApostellinkKontextApostelHebr. shaliach = bevollmächtigter Gesandter; nach rabbinischem Grundsatz "der Gesandte eines Menschen ist wie der Mensch selbst". Jesus überträgt ihnen seine volle Vollmacht. — Zwölf entspricht der Zahl der Stämme Israels; Jesus beansprucht, Gottes zerstreutes Volk neu zu versammeln.Gesandte, die seine volle Vollmacht trugen. Zwölf: wie die Stämme Israels. Als finge er an, Gottes zerstreutes Volk neu zu versammeln. Das waren ihre Namen: Simon, den er Petrus nannte; Andreas, seinen Bruder; Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus; Matthäus und Thomas; Jakobus, der Sohn des Alphäus; Simon, den Zeloten — den Revolutionär; Judas, den Sohn des Jakobus; und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

Lukas 17-19

Die Menge versammelt sich

Er stieg mit ihnen hinab und stellte sich auf eine Ebene. Und sie kamen von überall: eine große Schar seiner Jünger, und daneben ein riesiges Volk aus ganz Judäa und Jerusalem — und von der heidnischen Küste bei Tyros und Sidon, weit gereist, weil die Nachricht sie erreicht hatte. Sie wollten ihn hören. Sie wollten gesund werden. Die von unreinen Geistern Geplagten wurden befreit. Und die ganze Menge drängte sich heran, ihn zu berühren, denn Kraft strömte von ihm aushelpSchwierigKraft strömte von ihm aus (δύναμις)Heilung durch Berührung widerspricht modernem medizinischem Verständnis. Der Text beschreibt keine Placebowirkung, sondern eine Kraft (δύναμις), die von Jesus ausgeht — physisch, spürbar, wirksam. Antike Heilungsberichte anderer Wundertäter existieren (Apollonius von Tyana, Vespasian), aber Jesu Heilungen werden im Rahmen des anbrechenden Gottesreiches gedeutet: Krankheit gehört zur alten Ordnung, Heilung zur neuen. und heilte alle.

Weitere Hinweise

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    Difficult unreine Geister expand_more

    Lukas erwähnt Heilungen und Befreiungen von unreinen Geistern beiläufig — als wäre es selbstverständlich. Für moderne Leser wirft das Fragen auf. Der Text unterscheidet zwischen physischer Heilung (V. 17: „heilte sie") und geistlicher Befreiung (V. 18: „wurden befreit"). Ob man dies als reale geistliche Entitäten, als antike Beschreibung psychiatrischer Zustände oder als Zusammenspiel beider Dimensionen versteht — der Text präsentiert Jesus als jemanden, dem beides unterworfen ist.

Lukas 20-26

Seligpreisungen und Weherufe

Er hob die Augen auf, sah seine Jünger an und sagte: "SeligtranslateTextSelig (μακάριοι)Nicht "glücklich" im modernen Sinne, sondern: von Gott erwählt, zum angebrochenen Reich gehörig, mit göttlichem Wohlgefallen belegt. — Armen: Lukas meint konkrete wirtschaftliche Armut (nicht "arm im Geist" wie bei Matthäus 5,3). seid ihr Armen — die wirklich Armen, die Nichts-Habenden — denn euch gehört das Reich Gottes.
Selig, die ihr jetzt hungert, wirklich hungert: ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint: ihr werdet lachen.
Selig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen, euch ausschließen, euch beschimpfen und euren Namen als böse verwerfen — um meinetwillen.
Freut euch an jenem Tag, springt auftranslateTextspringt auf (σκιρτήσατε)Leibhaftiges Aufspringen vor Freude, kein bloßes Stimmungsgefühl. vor Freude! Denn euer Lohn im Himmel ist groß. Genauso haben ihre Väter die Propheten behandelt.
"WehetranslateTextWehe (οὐαί)Prophetisches Gerichtsorakel (hebr. הוֹי); diese Form verwendeten Amos und Jesaja unmittelbar vor Gerichtsankündigungen. — Trost bereits empfangen: Gr. ἀπέχετε ist ein kaufmännischer Begriff ("quittiert", "Rechnung beglichen") — wie ein Kassenbon, auf dem steht: bezahlt, nichts mehr offen. euch, die ihr reich seid — ihr habt euren Trost bereits empfangen. Alles ist bezahlt, die Rechnung geschlossen.
Wehe euch, die ihr jetzt satt seid: ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht: ihr werdet trauern und weinen.
Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden — genauso haben ihre Väter die falschen Propheten behandelt."

Lukas 27-35

Feindesliebe

"Aber an euch, die ihr zuhört, sage ich das: Liebt eure FeindefavoriteLebenLiebt eure FeindeFeindesliebe hat in der christlichen Tradition zu unterschiedlichen ethischen Positionen geführt. Anabaptistische und Quäker-Traditionen sehen darin absolute Gewaltlosigkeit. Die katholische und reformierte „Gerechter Krieg"-Lehre erlaubt Gewalt unter strengen Bedingungen. Martin Luther King Jr. verband Gewaltlosigkeit mit Forderung nach Gerechtigkeit. Desmond Tutu praktizierte Vergebung als politische Kraft. Feindesliebe ist kein Gefühl, das man erzwingen kann, sondern eine Entscheidung zur Menschlichkeit des anderen.. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch misshandeln. Wer dich auf die WangepublicKulturWangeDer Schlag auf die rechte Wange mit dem Handrücken war eine kulturelle Geste der Unterwerfung — ein Überlegener traf damit einen Untergebenen. Die andere Wange hinhalten bedeutet möglicherweise, sich dieser Erniedrigung zu widersetzen: "Ich bin dein Gleicher." So Walter Wink, Theologe des gewaltlosen Widerstands. Dieser Text darf nicht verwendet werden, um Betroffene in Gewalt- oder Missbrauchssituationen zur Passivität zu ermahnen. schlägt — dem biete auch die andere dar. Wer dir den Mantel wegnimmt — dem lass auch das Hemd. Wer dich bittet — gib. Wer dir etwas nimmt — forder es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass die Menschen mit euch umgehen — so geht ihr mit ihnen um. Was habt ihr davon, wenn ihr die liebt, die euch lieben? Das tun die Sünder auch. Was habt ihr davon, wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun? Das tun die Sünder auch. Was habt ihr davon, wenn ihr denen leiht, von denen ihr es zurückerwartet? Das tun die Sünder auch. Aber liebt eure Feinde. Tut Gutes. Leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wird euer Lohn groß sein — ihr werdet Kinder des Höchsten sein. Denn er ist gut zu den Undankbaren und Bösen.

Lukas 37-42

Richtet nicht

"Verurteilt nichtfavoriteLebenVerurteilt nichtDie Aufforderung betrifft nicht das moralische Urteilsvermögen (das bleibt nötig), sondern die endgültige Verurteilung eines Menschen. Unterscheidung (was ist richtig?) und Verdammung (du bist verloren) sind verschiedene Dinge. Christliche Traditionen von Augustinus über die Quäker bis zur modernen „Restorative Justice"-Bewegung haben diese Unterscheidung praktisch durchbuchstabiert: Fehler benennen, ohne den Menschen abzuschreiben., damit ihr nicht verurteilt werdet. Verdammt nicht, damit ihr nicht verdammt werdet. Vergebt, dann wird euch vergeben. Gebt, dann wird euch gegeben werden — ein gutes Maß, eingedrückt, geschüttelt, überlaufendpublicKultureingedrückt, geschüttelt, überlaufendMarktbild: Körner wurden in Hohlmaße gegossen, dann eingedrückt und geschüttelt, damit mehr hineinpasste, und schließlich ließ ein großzügiger Händler es überlaufen. Gottes Maß übertrifft jedes menschliche Maß. — in euren Schoß geschüttet. Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man auch euch messen." Er erzählte ihnen ein Gleichnis: "Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über seinem Lehrer. Wer voll ausgebildet ist, wird sein wie sein Lehrer. Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: 'Komm, ich nehme dir den Splitter aus dem Auge' — wenn du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? HeuchlertranslateTextHeuchler (ὑποκριτής)Theaterschauspieler, der eine Maske trägt; einer, der eine Rolle spielt statt er selbst zu sein.! Nimm zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge. Dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszunehmen."

Lukas 43-45

Bäume und ihre Früchte

"Ein guter Baum trägt keine faulen Früchte. Ein fauler Baum trägt keine guten Früchte. Jeder Baum wird an seiner Frucht erkannt. Man liest keine Feigen von Dornen, und Trauben pflückt man nicht von Gestrüpp. Ein guter Mensch holt das Gute aus dem Vorrat seines Herzens hervor. Ein böser Mensch holt das Böse. Was das Herz aufgespeichert hat, spricht der Mund aus — man kann es nicht verbergen."

Weitere Hinweise

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    Text Vorrat des Herzens (θησαυρός) expand_more

    Vorratskammer, Speicher (nicht nur "Schatz"). Was das Herz aufgespeichert hat, spricht der Mund aus — der innere Charakter bestimmt, was nach außen kommt.

Lukas 46-49

Zwei Fundamente

"Warum nennt ihr mich 'Herr, HerrlinkKontextHerr, HerrDie Verdoppelung ist absichtlich: religiöse Anrede allein — selbst eine zweifache — ersetzt nicht den Gehorsam.' — und tut nicht, was ich sage? Jeder, der zu mir kommt, meine Worte hört und danach handelt — ich zeige euch, wem er gleicht. Er gleicht einem Menschen, der ein Haus baute und grub und tiefer grub, bis er den FelspublicKulturFelsPalästinensische Wadis — trockene Flussbetten — konnten sich nach Regen innerhalb von Minuten in reißende Ströme verwandeln. Das Fundament auf Fels (Felsboden) zu legen erforderte mühsames Graben durch Erdschichten; es war teuer und zeitaufwendig, aber alles entscheidend. erreichte. Als dann die Überschwemmung kam und die Wassermassen gegen dieses Haus drückten, konnte es sie nicht erschüttern — weil es gut gebaut war. Wer aber hört und nicht handelt, gleicht einem Menschen, der sein Haus auf den Boden baute, ohne Fundament. Als die Wassermassen dagegen drückten, stürzte es sofort ein — und das war ein großes Trümmerfeld."

Aperto Bible