Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 20

Die Weingärtnner. Die Steuerfrage. Die Auferstehungsfrage.

Lukas 1-8

Mit welcher Vollmacht?

Es war einer der letzten Tage. Jesus lehrte das Volk im Tempel und verkündete die gute Nachricht— direkt vor den Augen derer, die ihn am liebsten zum Schweigen gebracht hätten. Jeden Tag kam er. Jeden Tag hörte das Volk ihm zu. Und jeden Tag konnten die Hohepriester und Schriftgelehrten nichts tun. Dann kamen sie. Nicht einzeln, nicht beiläufig — als Delegation: Hohepriester, Schriftgelehrte und Älteste, die gesamte religiöse Führung des Landes. Sie stellten sich ihm entgegen. „Mit welcher VollmachttranslateTextVollmacht (ἐξουσία)Das griechische Wort umfasst sowohl die formelle Berechtigung (Wer hat dich autorisiert?) als auch die tatsächliche Macht zu handeln. Die doppelte Frage — „mit welcher Vollmacht" und „wer hat dir diese Vollmacht gegeben" — greift beide Dimensionen an: die Art der Autorität und ihre Quelle. Im Judentum des Zweiten Tempels gab es anerkannte Wege der Autorisierung: rabbinische Ordination, priesterliche Abstammung, prophetische Berufung. Jesus passt in keine dieser Kategorien. tust du das alles?", fragten sie. „Wer hat dir diese Vollmacht gegeben?" Jesus antwortete mit einer Gegenfrage. „Ich will euch auch etwas fragen. Die Taufe des Johannes — war sie vom HimmelpublicKulturvom Himmel (ἐξ οὐρανοῦ)„Vom Himmel" ist eine jüdische Umschreibung für „von Gott" — man vermied es, den Gottesnamen direkt auszusprechen. Die Alternative „von Menschen" bedeutet: rein menschliche Initiative, ohne göttliche Legitimation. Die Gegenfrage ist kein Ausweichmanöver, sondern eine anerkannte rabbinische Debattentechnik — sie legt offen, dass die Fragenden selbst nicht bereit sind, Konsequenzen aus ihren eigenen Überzeugungen zu ziehen. oder von Menschen?" Sie berieten sich. Nicht über die Wahrheit. Über die Konsequenzen. Wenn wir sagen: vom Himmel — warum haben wir ihm dann nicht geglaubt? Wenn wir sagen: von Menschen — das Volk wird uns steinigen. Denn alle waren überzeugt, dass Johannes ein Prophet gewesen war. Sie hatten Johannes predigen sehen, taufen sehen, sterben sehen. Und weigerten sich trotzdem, ein Urteil zu fällen. „Wir wissen es nicht", sagten sie. „Dann sage ich euch auch nicht, mit welcher Vollmacht ich das tue", sagte Jesus.

Lukas 9-19

Die Weinbergpächter

Jesus erzählte dem Volk ein Gleichnis. „Ein Mann pflanzte einen WeinberglinkKontextWeinbergDie Formulierung „ein Mann pflanzte einen Weinberg" zitiert fast wörtlich Jesaja 5:1-7, das berühmte Weinberglied. Dort ist der Weinberg Israel, der Eigentümer Gott. Jeder jüdische Zuhörer hätte die Anspielung sofort erkannt. Entscheidend: Bei Jesaja liegt die Schuld beim Weinberg selbst (er bringt keine guten Trauben). Jesus verschiebt die Schuld auf die Verwalter — nicht Israel hat versagt, seine Führung hat versagt. Diese Verschiebung ist für das Verständnis des gesamten Gleichnisses zentral., verpachtete ihn an Pächter und ging für lange Zeit fort. Als die Erntezeit kam, schickte er einen Knecht zu den Pächtern, um seinen Anteil einzufordern. Die Pächter schlugen den Knecht und schickten ihn mit leeren Händen zurück. Er schickte einen zweiten. Auch den schlugen und beschimpften sie und schickten ihn mit leeren Händen zurück. Er schickte einen dritten. Den verwundeten sie und warfen ihn hinaus. Da sagte der Herr des Weinbergs: Was soll ich tun? Eine seltsame Frage von einem, der alle Macht hatte. Aber er stellte sie. Und seine Antwort war keine Strafe. Sie war ein Risiko. Ich werde meinen geliebten SohntranslateTextmeinen geliebten Sohn (τὸν υἱόν μου τὸν ἀγαπητόν)Dasselbe Wort ἀγαπητόν (geliebt) fällt bei der Taufe Jesu (Lukas 3:22: „Du bist mein geliebter Sohn") und bei der Verklärung (9:35). Innerhalb der Erzählung ist es ein Vater, der alles riskiert. In der allegorischen Tiefenstruktur identifiziert das Wort den Sohn mit Jesus selbst. Beides ist gleichzeitig wahr — das ist die Kunst des Gleichnisses. schicken. Vielleicht werden sie ihn respektieren. Vielleicht. Als die Pächter den Sohn sahen, überlegten sie: Das ist der Erbe. Wenn wir ihn umbringen, gehört das Erbe uns. Sie warfen ihn aus dem Weinberg hinauspublicKulturaus dem Weinberg hinausDer Sohn wird zuerst hinausgeworfen, dann getötet — Lukas erzählt diese Reihenfolge bewusst (ebenso Markus; Matthäus dreht sie um). Sie spiegelt die Geographie der Kreuzigung: Jesus starb außerhalb der Stadtmauern Jerusalems (Hebräer 13:12; Johannes 19:17). Die Verwerfung aus der Gemeinschaft geht dem Tod voraus. und töteten ihn. Was wird der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und diese Pächter vernichten und den Weinberg anderen gebenlinkKontextden Weinberg anderen gebenKRITISCH FÜR DEUTSCHE LESER: In der Auslegungsgeschichte wurde „andere" als „die Heidenvölker" oder „die Kirche" gelesen — eine allegorische Deutung, die Israels Verwerfung lehrt (Supersessionismus). Diese Lesart hat die Verfolgung von Juden im christlichen Europa theologisch legitimiert — mit verheerenden Konsequenzen bis zum Holocaust. Der Text selbst stützt sie nicht: Der Weinberg (Israel) wird nicht zerstört — er bekommt neue Verwalter. Die Kritik gilt der Führung, nicht dem Volk (Vers 19 sagt es explizit: „sie hatten verstanden, dass es ihnen galt"). Die Päpstliche Bibelkommission (2001, „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel") stellt klar: Eine allegorische Identifikation von „anderen" mit der Kirche ist vom Text nicht gedeckt und historisch verheerend.. „Niemals!translateTextNiemals! (μὴ γένοιτο)Ein Ausruf tiefster Ablehnung — wörtlich: „Das geschehe nicht!" Im Neuen Testament sonst ausschließlich bei Paulus (Römer 3:4.6.31; 6:2; 9:14; 11:1 u.a.; insgesamt 15 Mal). Hier ist die einzige Stelle in den Evangelien. Die Menge wehrt sich gegen die Konsequenz des Gleichnisses: Sie wollen nicht, dass die Geschichte so endet. Die Vehemenz des Ausrufs zeigt, dass sie die Allegorie verstanden haben — und erschrecken.", riefen die Zuhörer. Jesus sah sie an. Dann sagte er: „Was bedeutet dann dieses Wort der Schrift: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum EcksteinlinkKontextEckstein (Psalm 118:22)Teil des Hallel (Psalmen 113-118), das bei jedem Passahfest gesungen wurde. Beim Einzug in Jerusalem (19:38) hatte die Menge gerade Psalm 118:26 gerufen. Jetzt zitiert Jesus einen anderen Vers desselben Psalms — und dreht die Bedeutung: Was verworfen wird, wird zur Grundlage. Der „Eckstein" (κεφαλὴν γωνίας, wörtlich „Kopf der Ecke") ist der Schlussstein, der ein Gebäude zusammenhält. geworden?" Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert. Und auf wen er fällt, den zermalmt er. Die Schriftgelehrten und die Hohepriester hätten ihn am liebsten sofort festgenommen. Sie hatten verstanden: Dieses Gleichnis galt ihnen. Aber sie fürchteten das Volk.

Lukas 20-26

Steuern an den Kaiser

Sie gaben nicht auf. Sie schickten Spitzel — Männer, die den Aufrichtigen spielen sollten. Ihr Ziel war klar: Jesus eine Aussage zu entlocken, mit der man ihn dem römischen Statthalter ausliefern konnte. Die Spitzel kamen mit Komplimenten. „Meister, wir wissen, dass du aufrichtig redest und lehrst, niemanden bevorzugst und den Weg Gottes wahrhaftig zeigst." Dann die Frage: „Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?" Eine Falle mit zwei Klingen. Ja — und er legitimiert die römische Besatzung. Das Volk wendet sich ab. Nein — und man kann ihn als Aufrührer an Rom ausliefern. Jesus durchschaute ihre Hinterlist. „Zeigt mir einen Denar." Sie zogen eine Münze hervor. Aus ihren eigenen Taschen. Eine römische Silbermünze, die das Porträt des Kaisers Tiberius trug und eine Aufschrift, die ihn zum Sohn eines Gottes und zum obersten Priester erklärte. „Wessen Bild ist das?", fragte Jesus. „Wessen Aufschrift?" „Des Kaisers." „Dann gebt dem Kaiser zurück, was dem Kaiser gehört. Und Gott, was Gott gehörtfavoriteLebenGott, was Gott gehörtDer Satz funktioniert als Prüfstein: Was in meinem Leben beansprucht mich so, als gehörte es mir — obwohl es eigentlich zurückgegeben werden müsste? Die monastische Tradition (Benedikt, Franziskus) hat daraus eine Besitzfrage gemacht: Alles ist geliehen, nichts gehört mir endgültig. Die existenzielle Frage geht tiefer: Nicht nur Geld oder Besitz, sondern Identität, Karriere, Anerkennung — welche Münzen trage ich in der Tasche, die das Bild eines anderen Herrn tragen? Die Asymmetrie des Textes erlaubt keine bequeme Aufteilung in »Sonntagsglaube« und »Montagsleben.« Wenn der Mensch Gottes Bild trägt, gibt es keinen Bereich des Lebens, der von diesem Anspruch ausgenommen wäre.." Der Kaiser hatte sein Bild auf Münzen prägen lassen. Gott hatte sein Bild in Menschen gelegt. Die Münze gehörte dem Kaiser — gebt sie zurück. Aber der Mensch, der Gottes Bild trägt? Der gehörte nicht dem Kaiser. Vor den Augen des ganzen Volkes konnten sie ihn an keinem Wort fassen. Sie verstummten, staunend über seine Antwort.

Weitere Hinweise

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    Culture Steuern an den Kaiser (φόρος) expand_more

    Der φόρος war die römische Kopfsteuer (tributum capitis) — eine direkte Abgabe an den Besatzer, die jeder Erwachsene in den Provinzen zahlen musste. Sie war das Symbol der Unterwerfung schlechthin. Im Jahr 6 n. Chr. hatte Judas der Galiläer (Apostelgeschichte 5:37) einen Aufstand gegen genau diese Steuer angezettelt — mit dem Argument, Gott allein sei Herr über Israel. Die Frage der Spitzel ist keine theologische Debatte — sie ist ein Versuch, Jesus in die Nähe dieses Aufstands zu rücken.

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    Culture Denar des Tiberius expand_more

    Die Standardinschrift lautete: TI CAESAR DIVI AVG F AVGVSTVS — „Tiberius Caesar, Sohn des vergöttlichten Augustus" — und auf der Rückseite: PONTIF MAXIM — „Oberpriester" (pontifex maximus). Drei Ansprüche, die mit jüdischem Monotheismus unvereinbar waren: Gottessohnschaft, Vergöttlichung und priesterliche Autorität. Jeder Jude, der einen Denar in der Tasche trug, trug ein theologisches Problem mit sich.

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    Text gebt zurück (ἀπόδοτε) expand_more

    ENTSCHEIDEND: Das griechische Verb ἀποδίδωμι bedeutet nicht neutral „geben", sondern „zurückgeben, dem rechtmäßigen Eigentümer zurückerstatten." Die Münze trägt Caesars εἰκών (Bild) — sie gehört Caesar, gebt sie zurück. Aber der Mensch trägt Gottes εἰκών (Bild) — dasselbe griechische Wort, das die Septuaginta in Genesis 1:26 verwendet: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild (κατ᾿ εἰκόνα ἡμετέραν)." Die Asymmetrie ist total: Caesar bekommt ein Stück Metall zurück. Gott beansprucht jeden Menschen, der sein Bild trägt. Tertullian (um 200 n. Chr.) formulierte es als Erster explizit: „Reddite imaginem Caesari... et imaginem Dei Deo."

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    Context Kaiser und Gott — Zwei-Reiche-Lehre und ihre Geschichte expand_more

    KRITISCH FÜR DEUTSCHE LESER: Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre las diese Stelle als Begründung getrennter Zuständigkeiten: Der Staat regiert das Weltliche, Gott das Geistliche. Diese Lesart wurde von den Deutschen Christen (1933-1945) zusammen mit Römer 13 zur Rechtfertigung der Zusammenarbeit mit dem NS-Staat missbraucht — mit dem Argument, der „weltliche" Staat sei immun gegen prophetische Kritik. Die Barmer Theologische Erklärung (1934), maßgeblich formuliert von Karl Barth, widersprach ausdrücklich: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären." Die Asymmetrie des Textes selbst widerlegt jede „ausgewogene" Zwei-Sphären-Lesart: Caesar bekommt eine Münze — Gott beansprucht den ganzen Menschen.

Lukas 27-40

Ehe und Auferstehung

Dann kamen die Sadduzäer. Die Partei der priesterlichen Aristokratie, der Großgrundbesitzer, der Tempelverwalter — sie bestritten, dass es eine Auferstehung gibt. Eine Theologie, die alles in der Gegenwart regelt, schützt die Macht derjenigen, die in der Gegenwart herrschen. Sie kamen mit einem Szenario. „Meister, Mose hat geschrieben: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, soll sein Bruder die Witwe heiraten und dem Verstorbenen Nachkommen zeugen." Dann: „Es waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. Der zweite nahm sie. Der dritte. Am Ende alle sieben — kinderlos. Zuletzt starb auch die Frau." Sieben Ehen. In keiner davon hatte sie einen Namen, eine Stimme, eine Wahl. Sie war ein Rechtsfall, kein Mensch. „Wessen Frau wird sie bei der Auferstehung sein? Alle sieben hatten sie ja zur Frau." Jesus antwortete: „Die Menschen dieser ZeittranslateTextMenschen dieser Zeit (υἱοὶ τοῦ αἰῶνος τούτου)Wörtlich: „Söhne dieses Äons" — ein hebraistischer Ausdruck: „Sohn/Kind von X" bedeutet nicht Abstammung, sondern Zugehörigkeit und Teilhabe. „Söhne dieser Zeit" sind Menschen, deren Existenz von den Strukturen der gegenwärtigen Welt bestimmt wird — einschließlich der Strukturen von Besitz, Erbfolge und Eherecht. „Jene andere Zeit" ist nicht einfach „das Leben nach dem Tod", sondern eine qualitativ andere Wirklichkeit. heiraten und werden verheiratet. Aber die, die gewürdigt werden, jene andere Zeit zu erreichen und die Auferstehung von den Toten: Die heiraten nicht und werden nicht verheiratet. Sie können nicht mehr sterben. Sie sind den Engeln gleichtranslateTextden Engeln gleich (ἰσάγγελοι)Ein Wort, das im gesamten Neuen Testament nur hier vorkommt. Es bedeutet nicht „engelhaft" im Sinne von körperlos oder geschlechtslos — eine verbreitete Fehldeutung. Der Vergleichspunkt ist die Todlosigkeit: Engel sterben nicht. Wer nicht stirbt, braucht keine Erbsicherung durch Nachkommen. Damit fällt die Grundlage der Leviratehe weg — nicht weil Sexualität oder Beziehung aufhören, sondern weil das System der Ehe-als-Besitztransfer keinen Zweck mehr hat. Die Passage ist keine Aussage über Zölibat, sondern über das Ende einer Eigentumsordnung. und sind Kinder Gottes — Kinder der Auferstehung." Keine Fortsetzung der alten Ordnung. Kein Anspruch, der bis ins Ewige reicht. Keine Frau, die von Hand zu Hand gereicht wird. Nicht mehr. „Dass aber die Toten auferstehen", fuhr er fort, „das hat sogar Mose bezeugt, dort, wo es um den brennenden Dornbusch geht. Dort nennt er Gott den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs." Er sagt: Ich bin ihr Gott. Nicht: Ich war es. „Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Denn sie alle leben ihmtranslateTextsie alle leben ihm (πάντες γὰρ αὐτῷ ζῶσιν)Der Dativ αὐτῷ (ihm) ist theologisch dicht: „Sie leben ihm" bedeutet nicht „aus seiner Perspektive scheinen sie lebendig", sondern: Ihre Existenz ist durch eine fortdauernde Beziehung zu Gott konstituiert. Abraham, Isaak und Jakob sind nicht „tot, aber irgendwie noch da" — sie leben in einer realen, fortdauernden göttlichen Beziehung. Der Dativ drückt Zugehörigkeit und Orientierung aus: Ihr Leben ist auf Gott hin ausgerichtet und von ihm getragen.." Einige Schriftgelehrte riefen: „Gut gesagt, Meister!" Danach wagte niemand mehr, ihm eine Frage zu stellen.

Weitere Hinweise

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    Culture Leviratehe (Deuteronomium 25:5-10) expand_more

    Die Leviratehe (von lateinisch levir = Schwager) war eine reale rechtliche Institution: Starb ein Mann kinderlos, war sein Bruder verpflichtet, die Witwe zu heiraten und dem Verstorbenen einen Erben zu zeugen. Der erste Sohn galt rechtlich als Kind des Verstorbenen — er sicherte dessen Erblinie und den Verbleib des Familienbesitzes. Die Institution schützte die Witwe vor Verarmung und den Verstorbenen vor dem Vergessen. Gleichzeitig zeigt das Szenario: Die Frau hatte keinen eigenen Rechtsanspruch. Sie wurde weitergereicht, um die männliche Linie zu bewahren.

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    Difficult die Toten auferstehen expand_more

    Jesu Argument setzt voraus, dass Abraham, Isaak und Jakob jetzt leben — nicht erst am Ende der Zeit. Das widerspricht dem Weltbild, in dem der Tod das endgültige Ende darstellt. Drei Zugänge: (1) Soziologisch: Die Auferstehungshoffnung entstand als Antwort auf die Ungerechtigkeit — wenn Märtyrer sterben und Tyrannen gedeihen, muss es eine Korrektur geben (Daniel 12:2). Das erklärt die Entstehung, sagt aber nichts über den Wahrheitsgehalt. (2) Symbolisch: »Sie leben ihm« als Ausdruck dafür, dass ein gelebtes Leben nicht verloren geht — der Einfluss bleibt, auch wenn die Person stirbt. (3) Realistisch-glaubend: Wenn Gott treu ist und sein Bund mit Abraham nicht durch Abrahams Tod endet, dann müssen die Toten in einer realen Beziehung zu Gott fortbestehen. Jesus argumentiert nicht philosophisch, sondern aus dem Charakter Gottes: Ein Gott, der sich »Gott Abrahams« nennt, kann kein Gott der Toten sein.

Lukas 41-44

Davids Sohn?

Dann stellte Jesus selbst eine Frage. „Wie kommt es, dass man sagt, der Messias sei ein Nachkomme Davids? David selbst schreibt im Buch der Psalmen: Gott sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege." „David nennt ihn Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?" Niemand antwortete. Die Frage blieb im Raum stehen.

Weitere Hinweise

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    Culture Messias als Davids Nachkomme expand_more

    Die jüdische Messiaserwartung war im 1. Jahrhundert primär politisch-militärisch: Ein Nachkomme Davids würde als König auftreten, die Fremdherrschaft beenden und Israels Souveränität wiederherstellen. Die Psalmen Salomos (17:21-25, 1. Jh. v. Chr.) beschreiben diesen erwarteten Messias als kriegerischen Herrscher. Jesus bestreitet die davidische Abstammung nicht — er zeigt, dass die Kategorie „Davids Sohn" nicht ausreicht. Der Messias ist mehr als ein neuer David.

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    Context Psalm 110:1 expand_more

    Der am häufigsten zitierte alttestamentliche Text im Neuen Testament. „Gott sprach zu meinem Herrn" — im hebräischen Original: „JHWH sprach zu meinem Adonai" — beschreibt ein Gespräch zwischen Gott und einer zweiten, thronenden Gestalt. Wenn David den Psalm geschrieben hat (die antike Annahme), dann nennt David diese Gestalt „meinen Herrn" — einen Titel, der Überordnung ausdrückt. Wie kann der Messias gleichzeitig Davids Nachkomme (untergeordnet) und Davids Herr (übergeordnet) sein? Jesus löst das Rätsel nicht auf. Er lässt es stehen — eine offene Frage, die über die Kategorie der davidischen Königsherrschaft hinausweist.

Lukas 45-47

Warnung vor den Schriftgelehrten

Vor dem ganzen Volk sagte er zu seinen Jüngern: „Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten. Sie treten gern in langen Gewändern auf, lassen sich auf den Marktplätzen grüßen, sitzen auf den besten Plätzen in den Synagogen und an den Ehrenplätzen bei Festmählern. Und sie verschlingen die Häuser der WitwenpublicKulturverschlingen die Häuser der Witwen (κατεσθίουσιν)Das Verb κατεσθίω ist ein intensiviertes Kompositum: κατά + ἐσθίω — nicht nur essen, sondern aufessen, restlos verzehren. Jesus beschreibt keinen abstrakten „Missbrauch", sondern einen konkreten Mechanismus: Schriftgelehrte hatten als Rechtsexperten Zugang zu den Vermögensangelegenheiten von Witwen, die nach dem Tod ihrer Männer auf rechtliche Beratung angewiesen waren. Als Verwalter und Treuhänder konnten sie die Ersparnisse durch Gebühren und Selbstbedienung dezimieren. Die langen Gebete dienten als sozialer Vertrauensbeweis: Wer so fromm betet, dem vertraut man sein Geld an. — und beten zum Schein lange Gebete." Die langen Gebete waren kein Zusatz. Sie waren die Tarnung. Hinter der Frömmigkeit lief ein Geschäft: Wer als Rechtsgelehrter das Vertrauen einer Witwe gewann, konnte ihr Vermögen verwalten — und verzehren. „Sie erwartet ein umso härteres Urteil."

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