Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 23

Der Prozess. Kreuzigung. Der Tod des Gottessohnes.

Lukas 1-5

Jesus vor Pilatus

Die gesamte Ratsversammlung erhob sich und führte Jesus zu PilatuspublicKulturPilatusPontius Pilatus war von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt von Judäa — ein Titel, der durch die 1961 entdeckte Pilatus-Inschrift in Caesarea bestätigt wurde. Als Vertreter Roms hatte er die alleinige Befugnis über die Todesstrafe (\+xt ius gladii\+xt*). Das Verhör folgte dem Muster der \+xt cognitio extra ordinem\+xt* — einem formlosen Verfahren, bei dem der Statthalter Anklage, Verteidigung und Urteil in Personalunion führte. Philo beschreibt Pilatus als »unnachgiebig und rücksichtslos grausam« (\+xt Legatio ad Gaium\+xt* 301).. Dort erhoben sie Anklage— drei Vorwürfe, zugeschnitten auf das, was einen römischen Statthalter zum Handeln zwingen sollte: Er bringe das Volk vom rechten Weg ab. Er verbiete, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Und er behaupte, der Messias zu sein — ein König. Den zweiten Vorwurf hatten sie frei erfunden. Jesus selbst hatte gesagt: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört. Pilatus griff den einzigen Punkt heraus, der für ihn zählte. „Bist du der König der Juden?" Jesus antwortete: „Du sagst estranslateTextDu sagst es (Σὺ λέγεις)Weder Bestätigung noch Verneinung — eine Antwortform, die die Definition dem Fragenden zurückgibt. Jesus akzeptiert den Titel nicht in Pilatus' politischem Sinn, weist ihn aber auch nicht zurück. In Markus 14,62 antwortet Jesus vor dem Hohen Rat mit dem direkten \+xt ἐγώ εἰμι\+xt*. Vor Pilatus wählt er die indirektere Form — rhetorische Souveränität im Moment juristischer Ohnmacht.." Pilatus wandte sich an die Hohepriester und die Menge: „Ich finde keinen GrundtranslateTextkeinen Grund (Οὐδὲν εὑρίσκω αἴτιον)Der juristisch-technische Terminus \+xt αἴτιον\+xt* markiert dies als formalen Freispruch — nicht »ich finde nichts Schlimmes«, sondern »es liegt kein Rechtsgrund für eine Verurteilung vor.« Es ist die erste von fünf unabhängigen Unschuldserklärungen in Kapitel 23: Pilatus (23,4), Pilatus unter Berufung auf Herodes (23,14–15), Pilatus zum dritten Mal (23,22), der sterbende Verbrecher (23,41) und der römische Hauptmann (23,47). für eine Anklage gegen diesen Mann." Doch sie ließen nicht nach. Sie drängten weiter: „Er wiegelt das Volk auf! Von Galiläa bis hierher — überall in Judäa verbreitet er seine Lehre!"

Weitere Hinweise

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    Text Passionserzählung und Antisemitismus expand_more

    Die Passionserzählung ist der meistmissbrauchte Text der christlichen Geschichte. Aus der Darstellung, dass spezifische institutionelle Akteure — Hohepriester, Ratsherren, Älteste — die Verurteilung Jesu betrieben, wurde über Jahrhunderte eine Kollektivschuld des jüdischen Volkes konstruiert, die Pogrome, Zwangstaufen und die strukturellen Bedingungen für die Schoah ermöglichte. Lukas selbst widerspricht dieser Lektüre: Er unterscheidet konsequent zwischen institutionellen Akteuren und »dem Volk« (\+xt ὁ λαός\+xt*), das in 23,27 um Jesus trauert und in 23,48 sich an die Brust schlägt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in \+xt Nostra Aetate\+xt* (1965) die Kollektivschuldthese ausdrücklich verworfen.

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    Text Drei Anklagepunkte expand_more

    Die drei Vorwürfe sind juristisch für ein römisches Ohr formuliert: (1) \+xt διαστρέφοντα τὸ ἔθνος\+xt* — Aufwiegelung, ein Verbrechen gegen die öffentliche Ordnung. (2) \+xt κωλύοντα φόρους Καίσαρι διδόναι\+xt* — Steuerverweigerung gegenüber dem Kaiser. (3) \+xt λέγοντα ἑαυτὸν χριστὸν βασιλέα\+xt* — Selbstbezeichnung als König, Hochverrat. Der zweite Vorwurf ist nachweislich falsch: In Lukas 20,22–25 hat Jesus ausdrücklich gesagt, man solle dem Kaiser Steuern zahlen.

Lukas 6-12

Jesus vor Herodes

Galiläa. Pilatus horchte auf. Wenn Jesus aus Galiläa stammte, fiel er unter die Zuständigkeit von HerodesAntipas. Der war gerade zum Passafest in Jerusalem. Pilatus schickte Jesus zu ihm. Herodes freute sich sehrlinkKontextfreute sich sehr (ἐχάρη λίαν)Seit Lukas 9,9 will Herodes Jesus sehen: »Wer ist dieser, von dem ich solche Dinge höre?« Jetzt bekommt er seinen Wunsch erfüllt — und findet nichts. Seine Freude ist die eines Zuschauers, der eine Vorstellung erwartet, nicht die eines Suchenden, der Wahrheit findet. Lukas verwendet dasselbe Wort \+xt χαίρω\+xt*, das in 15,5 die Freude des Hirten über das wiedergefundene Schaf beschreibt — die Ironie ist schmerzhaft., als er Jesus sah. Seit langem hatte er von ihm gehört und wollte ihn mit eigenen Augen sehen, nicht weil ihn die Botschaft interessierte, sondern weil er hoffte, ein Wunder zu sehen— eine Vorführung. Er überhäufte Jesus mit Fragen, eine nach der anderen. Jesus antwortete ihm nicht. Kein Wort. Die Hohepriester und Schriftgelehrten standen die ganze Zeit dabei und klagten Jesus mit aller Macht an. Doch Jesus schwieg. Da verachtetepublicKulturverachtete (ἐξουθενήσας)Soziale Vernichtung — nicht bloße Gleichgültigkeit, sondern die demonstrative Behandlung eines Menschen als Nichts. Das prächtige Gewand (\+xt ἐσθῆτα λαμπράν\+xt*) war wahrscheinlich ein weißes oder strahlendes Königsgewand — höfische Verkleidung als Witz. Die Szene hat die Struktur eines Hofrituals: Der Herrscher inszeniert den Gefangenen als Narren-König. Herodes ihn. Zusammen mit seinen Soldaten trieb er seinen Spott mit Jesus, legte ihm ein prächtiges Gewand um— den Königsmantel als Witz — und schickte ihn zurück zu Pilatus. An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus FreundelinkKontextHerodes und Pilatus FreundeLukas ist der einzige Evangelist, der diese Versöhnung berichtet. Die frühe Kirche hörte darin Psalm 2,1–2: »Die Könige der Erde stehen auf, und die Herrscher beraten miteinander — gegen den Herrn und seinen Gesalbten.« In Apostelgeschichte 4,25–27 zitiert die Urgemeinde diesen Psalm ausdrücklich mit Bezug auf Herodes und Pilatus. Philo und Josephus dokumentieren die historische Feindschaft zwischen beiden.. Bis dahin hatten sie einander gehasst.

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    Context Schweigen (οὐδὲν ἀπεκρίνατο) expand_more

    Das absoluteste Schweigen der gesamten Passionserzählung. Vor dem Hohen Rat antwortet Jesus (22,67–70), vor Pilatus gibt er eine knappe Antwort (23,3) — vor Herodes sagt er nichts. Die frühe Kirche hörte darin Jesaja 53,7: »Wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das vor seinen Scherern verstummt.« Herodes ist der einzige Machthaber, der kein einziges Wort von Jesus erhält.

Lukas 13-25

Das Todesurteil

Pilatus rief die Hohepriester, die Ratsherren und das Volk zusammen. „Ihr habt mir diesen Mann gebracht und behauptet, er verführe das Volk", sagte er. „Ich habe ihn vor euch verhört und finde nichts, was eure Anklage stützt. Auch Herodes nicht — er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Dieser Mann hat nichts getan, was den Tod verdient. Ich lasse ihn auspeitschenpublicKulturauspeitschen (παιδεύσας)Die römische \+xt flagellatio\+xt* — Auspeitschung mit Lederriemen, in die Metallstücke und Knochenspitzen eingearbeitet waren. Pilatus bietet sie als Kompromiss an: schwere Körperstrafe statt Hinrichtung. Die Brutalität dieser »milderen« Strafe zeigt, wie weit sich Pilatus bereits zurückgezogen hat. und dann frei." Sie schrien alle gleichzeitigtranslateTextalle gleichzeitig (παμπληθεί)Ein Wort, das im gesamten Neuen Testament nur hier vorkommt (\+xt hapax legomenon\+xt*). Es beschreibt den physischen Eindruck eines vereinten Schreiens — die Menge als ein einziger Körper mit einer Stimme. In diesem Moment überwältigt die Lautstärke das Recht.: „Weg mit ihm! Gib uns Barabbas frei!" BarabbastranslateTextBarabbasDer Name ist aramäisch: \+xt Bar-Abbas\+xt* — »Sohn des Vaters.« Die Menge fordert den »Sohn des Vaters« anstelle des Sohnes des Vaters. Barabbas sitzt wegen Aufstand (\+xt στάσις\+xt*) und Mord (\+xt φόνος\+xt*) im Gefängnis — genau die Verbrechen, die man Jesus in Vers 2 fälschlicherweise vorgeworfen hatte. saß im Gefängnis — wegen eines Aufstands in der Stadt und wegen Mordes. Genau die Verbrechen, die sie Jesus vorgeworfen hatten. Pilatus versuchte es noch einmal. Er wollte Jesus freilassen. Doch sie schrien: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" Zum dritten Mal sagte Pilatus: „Was hat er denn Böses getan? Ich finde keinen Grund, ihn zum Tod zu verurteilen. Ich lasse ihn auspeitschen und dann frei." Doch ihre Stimmen setzten sich durch. Sie forderten seine Kreuzigung. Pilatus gab nach. Er ließ den Mann frei, der wegen Aufstand und Mord im Gefängnis saß, weil sie es so wollten. Jesus aber überließlinkKontextüberließ (παρέδωκεν)Das Schlüsselverb der gesamten Passionsgeschichte — zwölfmal in Lukas 22–24. Es bedeutet »ausliefern, übergeben, preisgeben.« Jesus wird von Judas an die Führung ausgeliefert, von der Führung an Pilatus, von Pilatus an die Menge — und theologisch vom Vater an die Welt (vgl. Röm 8,32). In jedem Schritt erfüllt sich, was Jesus in 22,42 im Gebet angenommen hat. er ihrem WillentranslateTextihrem Willen (τῷ θελήματι αὐτῶν)Dasselbe griechische Wort \+xt θέλημα\+xt* (Wille) wie in Jesu Gethsemane-Gebet: »Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe« (22,42). Dort der Wille des Vaters — hier der Wille der Menge. Pilatus liefert Jesus nicht dem Gesetz aus, sondern dem Willen. Lukas vermeidet bewusst das Verb »verurteilen« (\+xt κατακρίνω\+xt*) — Pilatus fällt kein Urteil, er kapituliert..

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    Text Vers 17 expand_more

    Einige Handschriften fügen nach Vers 16 hinzu: »Denn er musste ihnen zum Fest einen Gefangenen freilassen.« Dieser Vers fehlt in den ältesten Handschriften (P75, Vaticanus, Alexandrinus) und stammt wahrscheinlich aus Markus 15,6 oder Matthäus 27,15. Er wurde von Abschreibern eingefügt, um die plötzliche Barabbas-Forderung in Vers 18 zu erklären.

Lukas 26-32

Der Weg zum Kreuz

Als sie Jesus zur Hinrichtung führten, griffen die Soldaten sich einen Mann, der gerade vom Feld kam: Simon aus KyrenepublicKulturSimon aus KyreneRömische Soldaten hatten das Recht der \+xt angareia\+xt* — sie konnten jeden Passanten zwangsverpflichten, Lasten zu tragen (vgl. Mt 5,41). Simon wird zufällig gegriffen, ein Passant auf dem Weg vom Feld. Kyrene (im heutigen Libyen) hatte eine große jüdische Diasporagemeinde. Markus 15,21 nennt Simons Söhne Alexander und Rufus — offenbar der Urgemeinde bekannt.in Nordafrika. Sie legten ihm das Kreuz auf und zwangen ihn, es hinter Jesus herzutragen. Eine große Menge aus dem Volk folgte ihnen, und Frauen, die sich an die Brust schlugen und klagten, den ganzen Weg. Jesus drehte sich zu ihnen um. „Töchter JerusalemslinkKontextTöchter JerusalemsProphetische Anrede, die an das Hohelied (3,5; 5,8.16; 8,4) und die Klagelieder (2,13.18) erinnert. Diese Jerusalemerinnen (\+xt Θυγατέρες Ἰερουσαλήμ\+xt*) sind nicht dieselben Frauen wie die galiläischen Nachfolgerinnen in 23,49.55 — Lukas unterscheidet die mitfühlenden Stadtbewohnerinnen von der engeren Jüngerinnengruppe.", sagte er, „weint nicht über mich. Weint über euch selbst und über eure Kinder. Es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die KinderlosenlinkKontextSelig die KinderlosenEine umgekehrte Seligpreisung, die alles auf den Kopf stellt: Kinderlosigkeit war in Israels Kultur tiefste Schande und Zeichen göttlichen Zorns (vgl. 1,25). Dass Kinderlosigkeit zur Gnade wird, setzt eine Katastrophe voraus, die so groß ist, dass Kinder zu haben bedeutet, sie leiden zu sehen. Jesus spricht von der Zerstörung Jerusalems durch Rom im Jahr 70 n. Chr.! Selig die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gestillt haben! Dann werden sie zu den Bergen rufen: Fallt auf unslinkKontextFallt auf uns (Hosea 10,8)Zitat aus Hosea 10,8 — im Kontext der Zerstörung des Nordreichs Israel durch Assyrien. Wenn Menschen sich wünschen, von Bergen begraben zu werden, ist das Kommende schlimmer als der Tod. Offenbarung 6,16 greift dieselbe Hosea-Stelle auf und wendet sie eschatologisch.! Und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn sie das mit dem grünen Holz tun — was wird dann erst mit dem dürren geschehen?" Zwei andere führte man mit ihm — beide Verbrecher.

Weitere Hinweise

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    Context hinter Jesus her (ὄπισθεν τοῦ Ἰησοῦ) expand_more

    Die Formulierung »hinter ihm hertragen« greift Jesu Jüngerschaftswort aus 9,23 wörtlich auf: »Wer mir folgen will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.« Simon, ein Fremder, tut unbewusst, was die Jünger nicht tun. Er wird zum unfreiwilligen Bild des Nachfolgers.

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    Text grünes und dürres Holz expand_more

    Ein Sprichwort: Grünes, lebendiges Holz brennt schlecht — dürres, totes Holz brennt leicht (vgl. Ezechiel 17,24; 20,47). Jesus ist das »grüne Holz« — der Unschuldige, der trotzdem leidet. Wenn Rom das mit einem Unschuldigen tut, was wird dann mit den Schuldigen geschehen? Die Anspielung zielt auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.

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    Context mit Verbrechern (κακοῦργοι) expand_more

    Lukas verwendet \+xt κακοῦργοι\+xt* (Schwerverbrecher), nicht Markus' \+xt λῃσταί\+xt* (Räuber/Rebellen). Die Kreuzigung zwischen zwei Verbrechern erfüllt Jesaja 53,12: »Er wurde unter die Gesetzlosen gerechnet« — von Jesus selbst in 22,37 zitiert und als Bestimmung über sein Sterben gedeutet.

Lukas 33-43

Die Kreuzigung

An dem Ort, den sie den SchädelpublicKulturSchädel (Κρανίον)Griechische Übersetzung des aramäischen \+xt Gulgalta\+xt* (Golgotha), lateinisch \+xt Calvaria\+xt*. Wahrscheinlich ein schädelförmiger Felsvorsprung außerhalb der damaligen Stadtmauer — die Kreuzigung fand immer vor den Toren statt, an Straßen mit viel Verkehr, als öffentliche Abschreckung. Die Grabeskirche in Jerusalem markiert seit dem 4. Jahrhundert den traditionellen Ort; archäologische Befunde (Felsgrab und aufgelassener Steinbruch innerhalb der heutigen Kirche) stützen die Identifizierung. nannten, kreuzigten sie ihn — und mit ihm die beiden Verbrecher, einen rechts, einen links. Jesus betete: „Vater, vergib ihnentranslateTextVater, vergib ihnenDieser Vers fehlt in einigen der ältesten Handschriften, darunter P75 und Codex Vaticanus. Seine Echtheit wird unter Forschenden diskutiert. Ob ursprünglich oder sehr früh hinzugefügt — er spiegelt eine alte christliche Überlieferung über Jesu Vergebungsgebet am Kreuz wider und fügt sich in Lukas' durchgängiges Thema der Vergebung (7,47–48; 15,11–32; Apg 7,60 — Stephanus betet dasselbe). Das \+xt αὐτοῖς\+xt* (»ihnen«) bleibt bewusst offen — Soldaten, Anführer, Menge: Lukas verengt nicht., denn sie wissen nicht, was sie tun." Er sagte es immer wiedertranslateTextimmer wieder (ἔλεγεν)Das griechische Imperfekt \+xt ἔλεγεν\+xt* — nicht »sagte« (einmalig), sondern »sagte immer wieder.« Jesus betet dieses Gebet nicht einmal, sondern wiederholt während der Kreuzigung.. Die Soldaten teilten seine Kleider unter sich auf und warfen das Los darum. Das Volk stand da und sah zu. Die Anführer aber verhöhnten ihn: „Andere hat er gerettet — soll er sich doch selbst retten, wenn er der Messias ist, der ErwähltelinkKontextder Erwählte (ὁ ἐκλεκτός)Lukas' eigener messianischer Titel — in den anderen Evangelien steht an dieser Stelle »Sohn Gottes.« Der Titel verweist auf Jesaja 42,1 (»mein Erwählter, an dem ich Gefallen habe«) und auf die Verklärung (Lk 9,35). Die Ironie: Die Anführer sprechen theologische Wahrheit aus, ohne es zu wissen. Gottes!" Auch die Soldaten verspotteten ihn. Sie traten an ihn heran, hielten ihm EssigpublicKulturEssig (ὄξος)Kein Folterinstrument, sondern \+xt posca\+xt* — verdünnter Weinessig, das Standardgetränk der römischen Soldaten. Das Anbieten ist Teil der Verspottung: Sie behandeln den »König« wie einen Kameraden. Die Geste verbindet höhnische Großzügigkeit mit der Verachtung, die das prächtige Gewand des Herodes (23,11) fortführt. hin und sagten: „Wenn du der König der Juden bist — rette dich selbst!" Über seinem Kopf hing eine InschriftpublicKulturInschrift (ἐπιγραφή)Der \+xt titulus\+xt* — eine Holztafel, die den Verurteilungsgrund öffentlich anzeigte. Auf Aramäisch, Griechisch und Lateinisch (Johannes 19,20) — drei Sprachen der Macht, die unfreiwillig die universale Wahrheit über den Gekreuzigten verkünden: DIES IST DER KÖNIG DER JUDEN.: DIES IST DER KÖNIG DER JUDEN. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, beschimpfte ihn: „Bist du nicht der Messias? Dann rette dich selbst — und uns gleich mit!" Doch der andere wies ihn zurecht: „Hast du nicht einmal Angst vor Gott? Du hängst am selben Kreuzwie er! Wir haben bekommen, was wir verdient haben. Aber dieser Mann — dieser Mann hat nichts UnrechtestranslateTextnichts Unrechtes (οὐδὲν ἄτοπον)Die vierte Unschuldserklärung in diesem Kapitel — nach dreimal Pilatus (23,4.14–15.22) und vor dem Hauptmann (23,47). Ausgerechnet ein sterbender Verbrecher spricht das aus, was der Statthalter nicht durchsetzen konnte. Der griechische Ausdruck \+xt ἄτοπον\+xt* (»nichts Verkehrtes«) bestätigt legal und moralisch, was Pilatus juristisch festgestellt hat. getan." Dann sagte er: „JesustranslateTextJesus (ohne Titel)Die einzige Stelle im Lukasevangelium, an der jemand Jesus mit seinem bloßen Vornamen anspricht — ohne »Herr«, »Meister«, »Rabbi.« Ein sterbender Verbrecher wagt die größte Intimität. Sein Gebet — \+xt μνήσθητί μου\+xt* (»denk an michfavoriteLebenDenk an michDas kleinstmögliche Gebet. Keine Forderung, keine Bedingung, kein theologisches Bekenntnis — nur die Bitte, in der Erinnerung eines anderen zu bleiben. Jesu Antwort übersteigt die Bitte in jeder Hinsicht: »heute« (nicht irgendwann), »mit mir« (nicht nur erinnert), »im Paradies« (nicht nur bewahrt). In der christlichen Tradition ist dieser Moment zum Urbild der Gnade geworden: Es ist nie zu spät, und das Minimum reicht.«) — ist ein Echo der Psalmen (25,7; 106,4): die minimale Bitte, nicht vergessen zu werden. — denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." Jesus antwortete ihm: „Ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein."

Weitere Hinweise

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    Context Los um die Kleider (Psalm 22,19) expand_more

    Anspielung auf Psalm 22,19: »Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.« Die Kleider eines Hingerichteten gehörten den Henkern — ein alltäglicher Akt, der hier durch den Psalmhintergrund theologische Tiefe erhält. Lukas zitiert nicht explizit, aber die Leser der Septuaginta hörten den Anklang.

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    Text Das Volk sah zu (ὁ λαὸς θεωρῶν) expand_more

    Lukas unterscheidet sorgfältig: Das Volk (\+xt ὁ λαός\+xt*) steht und schaut — passiv, aber nicht feindlich. Die Anführer (\+xt οἱ ἄρχοντες\+xt*) dagegen verhöhnen aktiv. Diese Unterscheidung ist keine stilistische Nuance, sondern theologisches Programm: Das Volk wird in 23,48 zu Trauernden. Die Verantwortung für die Verspottung liegt bei den Machthabern, nicht beim Volk.

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    Text Heute im Paradies expand_more

    Der griechische Text hat keine Satzzeichen. Die Frage, ob »heute« (\+xt σήμερον\+xt*) zum »ich sage dir« oder zum »wirst du sein« gehört, verändert die Aussage grundlegend. Lesart A: »Ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein« — sofortige Gemeinschaft nach dem Tod. Lesart B: »Ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein« — die Zusage gilt heute, die Erfüllung kommt später. Die große Mehrheit der Textwissenschaftler und Bibelübersetzungen folgt Lesart A. — \+xt Παράδεισος\+xt* (Paradies) stammt aus dem Persischen (\+xt pairi-daeza\+xt* = ummauerter Garten) und bezeichnet im jüdischen Denken den Ort der Gerechten bei Gott.

Lukas 44-49

Jesu Tod

Es war ungefähr Mittag, als Finsternis über das ganze Land kam. Drei Stunden lang. Die Sonne erlosch. Der Vorhang im TempelpublicKulturVorhang im Tempel (τὸ καταπέτασμα τοῦ ναοῦ)Der massive, kunstvoll gewebte Vorhang trennte das Allerheiligste — den Raum der Gegenwart Gottes, den nur der Hohepriester einmal jährlich am Versöhnungstag betreten durfte — vom Rest des Tempels. Josephus beschreibt ihn als ca. 18 Meter hoch und handbreit dick. Dass er zerreißt (\+xt ἐσχίσθη\+xt*, göttliches Passiv), ist ein Zeichen, das auf mindestens drei Weisen gelesen werden kann: (1) Gott öffnet den Zugang zu seiner Gegenwart für alle. (2) Gott trauert — kosmische Reaktion auf den Tod des Gerechten. (3) Das Ende des Tempelkultes wird vorweggenommen (70 n. Chr.). zerriss — mitten entzwei. Jesus rief mit lauter Stimme: „Vater, in deine HändefavoriteLebenIn deine HändeJesu letztes Wort ist ein Gebet des Vertrauens, kein Schrei der Verzweiflung. Er legt sich in Gottes Hände wie ein Kind, das einschläft. In der jüdischen und christlichen Gebetstradition wurde Psalm 31,6 zum Abend- und Sterbegebet — das letzte Wort des Tages und das letzte Wort des Lebens. Die Praxis, den Tag mit diesem Vers zu beschließen, ist eine der ältesten geistlichen Übungen des Judentums und des Christentums. lege ich meinen Geist." Dann starb er. Der Hauptmann, der dabei stand, sah, was geschehen war. Er pries Gott und sagte: „Dieser Mensch war wirklich gerechttranslateTextgerecht (δίκαιος)Lukas' bedeutendste Änderung gegenüber Markus: Wo Markus 15,39 den Hauptmann »Sohn Gottes« sagen lässt, schreibt Lukas \+xt δίκαιος\+xt* — »gerecht.« Das Wort trägt eine doppelte Bedeutung: (1) Juristisch: »unschuldig« — die fünfte und letzte Unschuldserklärung des Kapitels. (2) Messianisch: »der Gerechte« — ein Titel, den die Urgemeinde für Jesus verwendete (Apg 3,14; 7,52; 22,14). Dasselbe Wort \+xt δίκαιος\+xt* beschreibt in 23,50 Josef von Arimathäa — der Gerechte erkennt den Gerechten.." Die Menschen, die zu diesem SchauspiellinkKontextSchauspiel (θεωρία) und an die Brust schlagenSie kamen als Zuschauer (\+xt θεωρία\+xt* — wörtlich »Anschauung«, dasselbe Wort wie in »Theater«). Sie gehen als Trauernde. Das An-die-Brust-Schlagen (\+xt τύπτοντες τὰ στήθη\+xt*) ist dieselbe Geste wie beim Zöllner in 18,13 — dort Zeichen der Reue vor Gott. Die Transformation geschieht ohne Predigt, ohne Erklärung: Das Kreuz selbst verwandelt Zuschauer in Büßer. gekommen waren, sahen es mit an. Sie schlugen sich an die Brust. Dann gingen sie nach Hause. Alle, die Jesus kannten, standen von weitem und sahen zu — auch die Frauen, die ihm seit Galiläa gefolgt waren.

Weitere Hinweise

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    Difficult Finsternis und Sonnenversagen expand_more

    Drei Stunden Finsternis über dem ganzen Land — von der sechsten bis zur neunten Stunde (ca. 12–15 Uhr). Eine Sonnenfinsternis war zum Passafest (Vollmond) astronomisch unmöglich. Drei Lesarten: (1) Naturalistisch: Lukas beschreibt möglicherweise einen Sandsturm oder ein schweres Gewitter, das spätere Tradition in kosmische Sprache kleidete. (2) Literarisch-theologisch: Die Finsternis ist Zeichensprache — Amos 8,9 kündigt an: »An jenem Tag werde ich die Sonne untergehen lassen am Mittag und das Land verfinstern am hellen Tag.« Es ist der »Tag des Herrn.« (3) Die ältesten Handschriften (P75, Vaticanus) verwenden \+xt τοῦ ἡλίου ἐκλιπόντος\+xt* — »die Sonne versagte/erlosch«, nicht »verfinsterte sich.« Spätere Abschreiber änderten zu \+xt ἐσκοτίσθη\+xt* (»verfinsterte sich«), um den Eindruck einer natürlichen Finsternis zu vermeiden.

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    Difficult Vorhang zerriss expand_more

    Hat der Tempelvorhang wirklich zerrissen? Das Zerreißen wird von Markus, Matthäus und Lukas unabhängig voneinander berichtet. Josephus und der Talmud (Yoma 39b) verzeichnen »seltsame Vorzeichen« im Tempel in den Jahrzehnten vor seiner Zerstörung 70 n. Chr. — darunter das von selbst aufgehende Osttor. Drei Lesarten: (1) Historisch-übernatürlich: Der Vorhang zerriss tatsächlich als göttliches Zeichen. (2) Theologisch-symbolisch: Die Erzählung drückt eine theologische Wahrheit in Tempelbildsprache aus — der Zugang zu Gott steht jetzt allen offen. (3) Prophetische Vorwegnahme: Das Zerreißen antizipiert die Zerstörung des Tempels durch Rom. Der Text besteht darauf, dass hier etwas geschah, das über das Materielle hinausweist.

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    Context Psalm 31,6 expand_more

    Jesus stirbt mit einem Psalm auf den Lippen — Psalm 31,6 (LXX 30,6). Lukas ersetzt bewusst den Schrei der Gottverlassenheit aus Markus 15,34 (»Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« — Psalm 22,2) durch ein Vertrauensgebet. Jesus stirbt nicht in Verzweiflung, sondern in Hingabe. Psalm 31,6 war in der jüdischen Tradition das Abendgebet — das letzte Gebet vor dem Einschlafen. Die Rabbinen lehrten: »In deine Hände befehle ich meinen Geist« solle das letzte Wort des Tages sein.

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    Context alle, die ihn kannten (γνωστοὶ αὐτῷ) expand_more

    Lukas verwendet das vage \+xt γνωστοί\+xt* (»Bekannte«), nicht »Jünger« oder »Apostel.« Die männlichen Nachfolger sind anwesend, aber unbenannt und stumm. Die Frauen — die in 8,1–3 als Nachfolgerinnen und Versorgerinnen eingeführt wurden — sind die einzigen, die namentlich identifiziert werden (24,10). Sie bilden die ununterbrochene Zeugenkette: Kreuz (23,49) → Grab (23,55) → leeres Grab (24,1–10). Psalm 38,12 klingt an: »Meine Freunde und Gefährten halten sich fern von meiner Plage.«

Lukas 50-56

Das Begräbnis

Ein Mitglied des Hohen Rates — ein Mann namens Josef aus der Stadt Arimathäa, ein guter und gerechter Mann, der ihrer Entscheidung und ihrem Handeln nicht zugestimmt hatte. Er wartete auf das Reich Gottes. Josef ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Er nahm ihn vom Kreuz, wickelte ihn in Leinen und legte ihn in ein Grab, das in den Felsen gehauen war — ein Grab, in dem noch niemand gelegen hatte. Es war FreitagpublicKulturFreitag (παρασκευή)Wörtlich »Rüsttag« — der Tag, an dem alle Vorbereitungen für den Sabbat getroffen werden mussten, da am Sabbat selbst keine Arbeit erlaubt war. Die Eile der Bestattung erklärt sich aus dem nahenden Sabbatbeginn bei Sonnenuntergang.. Der Sabbat stand bevor. Die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, folgten Josef. Sie sahen das Grab, sie sahen, wie der Leichnam hineingelegt wurde. Dann gingen sie und bereiteten Salben und wohlriechende Öle vor. Am Sabbat ruhten siefavoriteLebenAm Sabbat ruhten sieDer letzte Satz des Kapitels ist von stiller Kraft: Mitten in der Trauer, nach dem gewaltsamen Tod ihres Meisters, halten die Frauen das Sabbatgebot. Sie tun, was getan werden kann (Salben vorbereiten), und dann hören sie auf, weil es das Gebot verlangt. Es ist die Treue derer, die nicht mehr handeln können — die das Warten aushalten, bevor sie das Ergebnis kennen. Eine Form des Glaubens, die keine Antworten hat, aber trotzdem gehorcht., wie es das Gebot verlangte.

Weitere Hinweise

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    Text gerecht (δίκαιος) — Echo expand_more

    Josef wird mit denselben Worten beschrieben wie Jesus vom Hauptmann (23,47): \+xt δίκαιος\+xt* — gerecht. Der verbale Anklang ist kein Zufall: Der Gerechte erkennt den Gerechten. Josef als βουλευτής (Ratsmitglied) gehört demselben Gremium an, das die Verurteilung betrieben hat — aber Lukas betont: Er hat nicht zugestimmt.

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    apologetics Josef von Arimathäa expand_more

    Die Bestattung durch ein namentlich genanntes Ratsmitglied gehört zu den historisch am besten gesicherten Elementen der Passionserzählung. Der Historiker N. T. Wright argumentiert: Ein erfundener Bestatter wäre nicht als Mitglied des Gremiums identifiziert worden, das die Verurteilung betrieben hatte — Gegner hätten die Angabe leicht widerlegen können. Zudem bestätigen archäologische Funde die Bestattungspraxis: Der 1968 in Giv'at ha-Mivtar entdeckte Jehohanan-Knochen — ein Fersenbein mit einem noch darin steckenden Kreuzigungsnagel — belegt, dass Gekreuzigte in der Region eine ordentliche Bestattung erhalten konnten, was manche Historiker zuvor bezweifelt hatten.

  • public
    Culture Begräbnisbrauch expand_more

    Jüdische Bestattung erforderte Eile — ein Leichnam durfte nach Deuteronomium 21,22–23 nicht über Nacht am Holz hängen. Josef handelt als frommer Jude: Er nimmt den Leichnam ab, wickelt ihn in Leinen (\+xt σινδών\+xt* — ein teures Tuch, das auf Josefs Wohlstand hinweist) und legt ihn in ein Felsengrab. Archäologische Funde (der Jehohanan-Knochen aus Giv'at ha-Mivtar, 1968, mit einem noch im Fersenbein steckenden Kreuzigungsnagel) bestätigen, dass Gekreuzigte in der Region eine ordentliche Bestattung erhalten konnten.

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    apologetics Die Frauen als Zeuginnen expand_more

    In der antiken Rechtsordnung — jüdisch wie römisch — galt die Aussage von Frauen als weniger gewichtig. Josephus notiert, dass Frauen »wegen der Leichtfertigkeit ihres Geschlechts« nicht als Zeuginnen zugelassen seien (\+xt Antiquitates Judaicae\+xt* 4.219). Dass alle vier Evangelien ausgerechnet Frauen als die durchgängigen Zeuginnen benennen — am Kreuz, am Grab, am leeren Grab — spricht stark für die Historizität der Erzählung. In der historischen Jesusforschung gilt dies als Anwendung des »Kriteriums der Verlegenheit« (\+xt criterion of embarrassment\+xt*): Details, die der eigenen Sache schaden, werden nicht erfunden.

Aperto Bible